Fanhilfe Magdeburg: Aktiv für die Rechte von Fußballfans

Zehntausende Deutsche pilgern jedes Wochenende in die Fußballstadien der Bundesrepublik. In Sachsen-Anhalt begeistern die großen Vereine aus Magdeburg und Halle tausende Sportfans. Wo so viele Menschen aufeinandertreffen, bleiben Konflikte nicht aus. Während auf der einen Seite landauf landab das Bild von Anhängern als „vermummte Chaoten“ omnipräsent ist, eint viele Fans ihre tiefe Abneigung gegenüber Polizisten in Kampfmontur, die die Fußballspiele zu Hunderten begleiten. Viele Fans glauben, dass die Stadien das Versuchslabor für polizeiliche Maßnahmen sind und kritisieren vermeintlich überzogene Maßnahmen. Nach Auseinandersetzungen am Rande von Fußballspielen, wie jüngst bei der Begegnung zwischen Bochum und Magdeburg, wo 700 Fans am Bahnhof festgehalten wurden, entspinnt sich zwischen Fans und Polizei häufig ein Kampf um die Deutungshoheit: Tragen gewaltbereite Chaoten die Schuld oder war doch übertriebenes Polizeiverhalten Auslöser für einen gewaltsamen Konflikt?

Um Fans juristische Hilfe zu vermitteln und in den Medien eine Stimme zu geben, haben sich im gesamten Bundesgebiet Fanhilfen gegründet. Auch in Magdeburg macht sich eine solche Initiative für die Rechte der Fußballanhänger stark. Die 400 Mitglieder große Fanhilfe Magdeburg wurde 2015 gegründet und leistet, gemäß ihrer Satzung, unter anderem Kinder- und Jugendarbeit im Kontext der Fanszene des 1. FC Magdeburg.

Im Interview spricht Vorstandsmitglied Christian Oberthür über die Arbeit des Vereins. Das Gespräch führte Lennart Birth.

vornewech: Für die Leserinnen und Leser, die sich im Fußball-Kosmos eher weniger auskennen: Was ist eine Fanhilfe und was zählt zu ihren Aufgaben?

Wir verstehen uns, genauso wie die knapp 30 anderen Fanhilfen, die es bundesweit gibt, als eine Solidargemeinschaft unter Fußballfans. Hier in Magdeburg betrifft das die Fans des 1. FC Magdeburg. Unsere Mitglieder sorgen mit einem monatlichen Beitrag in Höhe von 3 Euro dafür, dass wir Fußballfans in Konfliktsituationen mit dem Verein, dem Verband, der Polizei oder vor Gerichten beistehen können. Wir klären unsere Mitglieder durch eine aktive Öffentlichkeitsarbeit über ihre Rechte und Pflichten gegenüber der Polizei und dem Verband auf. Zudem stehen wir im engen Austausch mit Anwältinnen und Anwälten, die unsere Mitglieder im Konfliktfall konsultieren können. Wir wollen für eine gerechte, ausgeglichene Rechtsprechung im Kontext von Fußballspielen sorgen. Fans werden oft übertrieben hart angegangen. Vorfälle beim Fußball werden anders von den Richterinnen und Richtern bewertet, als zum Beispiel die klassische Wirtshausschlägerei. Und darüber klären wir im Namen unserer Mitglieder und einem breiten Teil der Magdeburger Fanszene über unsere Online-Kanäle, über aktive Pressearbeit und an Informationsständen im Stadion auf. Wir wollen Missstände aufdecken und Lösungen suchen. Stadionverbote und Strafanzeigen, die zu Unrecht erteilt worden sind, bilden dabei eine unserer Kernaufgaben.

vornewech: Gibt es denn viele Fans, die ihr vertreten müsst? Meistens bleibt es im Stadion doch eher friedlich.

Im Grunde können wir während der laufenden Saison Wochenende für Wochenende zahlreiche Fälle beobachten, wo Fans unsere Hilfe benötigen. Tatsächlich stellen von unseren knapp 400 Mitgliedern nur wenige einen Unterstützungsantrag bei uns. Stadionverbote, Meldeauflagen und auch immer mehr werdende Hausdurchsuchungen beschäftigen uns. Wir haben zahlreiche präventive Maßnahmen, die wir zusammen mit zahlreichen Fans vor den Spieltagen treffen. Zudem beraten wir bei jedem Heimspiel unsere Mitglieder und interessierte Fans an unserem Stand im Stadion.


Polizisten in Schutzkleidung im Magdeburger Stadion
(Bildrechte: Fanhilfe Magdeburg)

vornewech: In den Medien liest man des Öfteren von Auseinandersetzungen zwischen Fans und Polizei im Zuge von Fußballspielen. In euren Statements ist häufig von einem Fehlverhalten aufseiten der Staatsmacht zu lesen. Gibt es dafür aktuelle Beispiele in Magdeburg und könnt ihr diese belegen?

Wir dokumentieren in Magdeburg, aber auch in den Orten, wo der 1. FCM gastiert, jede Menge unnötige Aktionen der Polizei. In Magdeburg besonders den übertriebenen Einsatz von Wasserwerfern am Spieltag. Bei manchen Spielen sind gleichzeitig drei oder vier dieser schweren Einsatzfahrzeuge gegen Fans im Einsatz, obwohl es nur sehr selten zu Auseinandersetzungen kommt. Noch schlimmer trifft es aktuell allerdings die Gästefans in Magdeburg, um die wir uns verstärkt kümmern, weil wir solidarisch mit allen von polizeilicher Repression betroffenen Fans sind. Übergriffe auf Gästefans dokumentierten wir beispielsweise beim DFB-Pokalspiel am 17. August 2018, wo Fans aus Darmstadt wegen dem mangelhaften Einsatzplan der Polizei mit gefährlichem Pfefferspray und Schlagstöcken angegangen wurden. Magdeburger Fans hatten beispielsweise in Duisburg mit der örtlichen Polizei Probleme, weil diese eine Choreografie als bedrohlich einstufte und Fans als Kriminelle in den Sozialen Medien diffamierte. Gegen das Fehlverhalten der Polizei gehen wir aktuell gerichtlich vor und wollen so einen Präzedenzfall für die Artikulation der Polizei in den Sozialen Medien schaffen.


Der Vorwurf: Die Berichterstattung über Fans vonseiten der Polizei fällt in aller Regel einseitig aus
(Screenshot Twitter)

vornewech: Schwarze Schafe gibt es sowohl bei den Fans als auch der Polizei. Ihr begleitet Fußballspiele aus der Sicht von (aktiven) Fans. Deswegen müsst ihr euch immer mal wieder eine gewisse Einseitigkeit vorwerfen lassen. Wie steht ihr zu diesem Kritikpunkt?

Wir setzen uns mit unserer Berichten und Pressemitteilungen rund um die Spieltage für eine möglichst ausgeglichene Berichterstattung über Fans in den Medien ein. Als VertreterInnen der Fans sprechen wir mit zahlreichen Organisationen und Vereinen, um eine Gesprächskultur des Miteinanders zu etablieren. Schwarz-Weiß-Denken liegt uns fern, auch wenn wir Vereine, Verbände oder eben die Polizei bei Problemen deutlich und öffentlich kritisieren müssen. Erschwerend kommt hinzu, dass die Polizei als staatliche Behörde ihre Kanäle nutzt, um eine aktive Politik der Diskriminierung jugendlicher Fußballfans zu betreiben.

Ein positives Beispiel für ein gutes Miteinander, welches u.a. durch die Fanhilfe Magdeburg initiiert wurde, waren etwa die Gespräche zwischen dem 1. FC Magdeburg, dem Ordnungsdienst im Magdeburger Stadion, der Polizei und den Fans in Bezug auf die Einlasssituation im Stadion während der Sommerpause. Schwarze Schafe gibt es sowohl auf der einen als auch auf der anderen Seite. Wir klären Fans umfangreich über ihre Rechte und Pflichten auf.

vornewech: Was wünscht ihr euch von der Landespolitik in Bezug auf euer Wirken?

Wir wünschen uns, dass in der Debatte um mehr Sicherheit und Polizei (auch, aber nicht ausschließlich) im Kontext von Fußballspielen nicht nur die Seite der Behörden, Polizeigewerkschaften und besorgten Bürgerinnen und Bürger gehört wird, sondern auch die direkt von Polizeimaßnahmen betroffenen Menschen zu Wort kommen. Das geht beispielsweise durch konkrete Anfragen an uns, eine Hospitanz am Spieltag (wie sie beispielsweise schon von einigen Politikerinnen und Politikern wahrgenommen wurde) oder auch durch Anhörungen von sachkundigen Fußballfans in den Parlamenten. Dafür sind wir gerne bereit, denn aktuell arbeitet die Landespolitik – genauso wie die Bundespolitik – auf die Verschärfung von Gesetzen und der flächendeckenden Überwachung hin, wobei die Anzahl an Straftaten im Fußballkontext seit Jahren rückläufig ist. Dort herrscht ein enormes Gefälle zwischen subjektiver Wahrnehmung von Außenstehenden und der Praxis im Alltag, was endlich überwunden werden muss. LandespolitikerInnen könnten in Zukunft direkt in solche Debatten eingreifen und für eine plurale, möglichst alle Positionen beachtende Diskussion auf politischer Ebene sorgen.

vornewech: Vielen Dank!

Transparenzhinweis: Der Fragensteller ist Mitglied des 1. FC Magdeburg und regelmäßiger Stadionbesucher.