Kommentar: Nachdenken über die Nationalhymne lohnt sich

Geht es nach Thüringens Ministerpräsidenten Bodo Ramelow, braucht Deutschland eine  neue Nationalhymne. Über diese nachzudenken, ist aus etlichen Gründen gar keine schlechte Idee, findet Lennart Birth.

Alle Jahre wieder diskutiert Deutschland über seine Nationalhymne. Die aktuelle Debatte über das „Lied der Deutschen“, geschrieben von August Heinrich Hoffmann von Fallersleben im Jahr 1841, hat Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow angestoßen. „Ich singe die dritte Strophe unserer Nationalhymne mit, aber ich kann das Bild der Naziaufmärsche von 1933 bis 1945 nicht ausblenden.“, äußerte er kürzlich gegenüber der Rheinischen Post. In Verbindung mit dem Horst-Wessel-Lied der NSDAP wurde in der Nazizeit die heutige Nationalhymne vereinnahmt, vor allem jedoch die erste Strophe.

Ein anderer Thüringer brachte die heute weitestgehend vermiedene erste Strophe einige Zeit vor Ramelows Interview in die Schlagzeilen: AfD-Rechtsaußen Björn Höcke und seine Kameraden sangen kürzlich in Bayern eben jene Verse des Deutschlandlieds. „Deutschland, Deutschland über alles“, heißt es darin und so mancher AfD-Funktionär wird beim Singen dieser Zeilen verträumt den Blick in der Geschichte zurückgeschweift haben. Wie furchtbar!

Für alle Demokraten muss das Gebot der Stunde sein, die Nationalhymne nicht den Rechtspopulisten und -extremisten zu überlassen. In Zeiten, in denen die Demokratie mehr und mehr auf dem Prüfstand zu stehen scheint, gilt es, sich den Nationalisten entschieden entgegenzustellen. Und das fängt bei der Nationalhymne an.

Neben rechter Vereinnahmung der Nationalhymne bzw. ihrer ersten Strophe, die es immer wieder gegeben hat, sollten wir in diesem Jahr aus einem weiteren Grund den Blick auf die Hymne und das, wofür sie aktuell steht und eigentlich stehen sollte, richten. Im Herbst jährt sich die Friedliche Revolution das 30. Mal. Auch in den Wendejahren wurde über die Nationalhymne und ihre Bedeutung diskutiert: Eine Verbindung von „Auferstanden aus Ruinen“ und „Einigkeit und Recht und Freiheit“ war eine Option, die bedauerlicherweise keinen ausreichenden politischen Zuspruch fand. Was wäre eine Kombination beider Melodien und Texte für ein starkes Zeichen an die Bürger der zerfallenden DDR gewesen!

Heute diskutieren wir in Deutschland immer noch über Ost und West und seit einiger Weile nun auch vermehrt über die generelle Spaltung der Gesellschaft. Arm gegen Reich, europäisch gegen nationalistisch, progressiv gegen reaktionär. Unsere Gesellschaft ist polarisiert, wie lange nicht mehr.

Wir brauchen eine innerdeutsche Versöhnung und die Diskussion über Beibehaltung oder Ersetzung der geschichtsträchtigen Nationalhymne könnte dabei einen Beitrag leisten. Ich möchte, dass Deutschland eine inklusive Heimat ist, die allen Menschen offensteht. Ein geeintes Deutschland, in dem sich Ost und West endlich auf Augenhöhe bewegen. Ein Land, das Teil eines friedlichen und sozialen Europas ist und in dem die Bedeutung dieser Staatengemeinschaft eine angemessene Würdigung findet. Eine Republik, in der die gesellschaftliche Spaltung von allen demokratischen Kräften bekämpft wird.

Die Diskussion über unsere Nationalhymne ist eine hervorragende Möglichkeit, um über das zu sprechen, was unser Land (wieder) ausmachen sollte.