Ein Plakat, ein Bier und was dahintersteckt

Von Mathias Luther

Sein Wahlplakat machte Sören Steinke aus Halle überregional bekannt – als der Kandidat, der mit einem Bier in den Stadtrat kommen will. Wenn man sich mit ihm unterhält, merkt man schnell: Da steckt noch mehr dahinter.

In den sozialen Medien erregte Sören mit seinem Plakat einiges Aufsehen

Der Kommunalwahlkampf ist ja fast schon traditionell ein Festival der skurrilen Plakate. Die Hallenser SPD hatte sich hier in diesem Jahr besonders verdient gemacht: Lars Juister warb mit Wikingerbart und Streitaxt um seinen Einzug in den Halleschen Stadtrat,  Sören Steinke nahm ein Glas Bier mit aufs Plakat. Ist eine Kandidatur für die SPD im Jahr 2019 etwa nur noch mit Alkohol zu ertragen? Mitnichten: Sören ist Brauer. Gemeinsam mit Braumeister Armin Brandt arbeitet er derzeit daran, dass im Böllberger Weg in Halle unter dem Dach des Lebenshilfe-Vereins erstmals seit der Wende wieder eigenes Bier gebraut wird.

Dass er als Handwerker in der SPD mittlerweile eher eine Ausnahmeerscheinung ist, ist ihm bewusst. Ein gesamtgesellschaftliches Problem, wie er findet: „Direkt nach der Schule eine Ausbildung zu machen, das wollen viele nicht, das ist schade. Das muss man irgendwie zurückholen.“

Auch er selbst wollte zunächst eine ganz andere Richtung einschlagen: 2010 begann er ein Studium der Archäologie in Halle. Drei Jahre später dann der Entschluss, etwas völlig anderes zu machen: Er brach das Studium ab und begann eine Lehre als Brauer. Der Schritt fiel ihm damals alles andere als leicht, sagt er, dennoch würde er jedem dazu raten: „Auch mit 26 kann man sein Studium abbrechen. Arbeitgeber wissen Bewerber mit einer gewissen Lebenserfahrung durchaus schätzen, die auch wissen, was sie wollen.“

Sören Steinke in der zukünftigen Brauerei am Böllberger Weg in Halle. Zur Zeit wird hier noch mehr gebaut als gebraut

Im Böllberger Weg wird derweil vorerst noch gebaut statt gebraut: Viele Teile des Sudhauses und der Abfüllanlage befinden sich immer noch im Aufbau. Wenn sie fertig ist, werden die Beschäftigten aus den Lebenshilfe-Werkstätten dort den kompletten Brauprozess unter Anleitung der Betreuer selbständig durchführen. „Die sind dann quasi unsere Lehrlinge“, sagt Sören. Ist die Arbeit unter den besonderen Bedingungen bei der Lebenshilfe für ihn eine Herausforderung? „Anfangs hatte ich noch Bedenken ob ich das kann, als verantwortliche Person für eine Gruppe von Behinderten, aber die Arbeit mit denen macht tierisch Spaß!“

Und was trieb ihn an, für den Stadtrat zu kandidieren? Auch hier ist er ganz Handwerker: Die Zusammenarbeit mit den Ausbildungsbetrieben müsse besser werden, vor allem aber bräuchten Auszubildende mehr Unterstützung und Förderung. Dass in Halle wie überall seit Jahren der Nachwuchs ausbleibt, ist etwas, dass ihn persönlich umtreibt.

Lebenslange Bildung, Teilhabe durch Arbeit – Eins wird einem sehr schnell klar, wenn man sich mit Sören unterhält: Hinter einem skurrilen Plakat steckt hier ganz viel klassische Sozialdemokratie.