Wohin mit Dir, meine SPD?

Von Jan Hanse

Jedes Mal, wenn ich im Ernst-Reuter-Haus aus dem Fenster schaue, sehe ich die Staatskanzlei. Den Sehnsuchtsort der Landes-SPD, so nah und doch so fern. Anspruch und Wirklichkeit klaffen bei uns gerade weit auseinander. Wir wollen Verantwortung übernehmen, die Regierungschefin oder den Regierungschef stellen und die Politik prägen, aber werden im gesellschaftlichen Wandel zerrieben. Wir wollen für uns wichtige Punkte umsetzen und verkennen dabei, dass unser Markenkern immer noch wichtig ist, aber die Menschen andere Schwerpunkte setzen.

Eine Mehrthemenpartei mit unterschiedlichen Strömungen, wie es die SPD, aus der Historie heraus, geworden ist, hat es immer schwerer als Ein-Themen-Parteien, aber gerade deshalb müssen wir Teil der Debatten sein und ein Bewusstsein schaffen für die Komplexität der Gegenwart. Dazu gehört auch ein Spagat zwischen komplexen, als kompliziert verstandenen Situationen und den vermeintlich einfachen Lösungen, die sich die Menschen wünschen. Wir sind qualitativ und quantitativ breiter aufgestellt als andere Parteien und müssen dieses Potential nutzen. Unsere Experten können schwierige und drängende Themen händeln und mit Wissen, Fähig- und Fertigkeiten dazu beitragen die Herausforderungen in Gegenwart und Zukunft zusammen mit den Menschen in unserem Land zu meistern. Wir müssen sie (die Menschen und die Mitglieder) dafür nur erreichen. Dazu brauchen wir neue Werkzeuge, Methoden und Instrumente. Im besten Fall eine an die Lebenswirklichkeit angepasste Parteistruktur, die durch flexible Maßnahmen auf auftretende Anforderungen schnell und angemessen mit zeitgemäßen Werkzeugen reagieren kann. Wir müssen uns selbst hohe Ziele stecken und einen langen Atem haben, aber Zuversicht und Vertrauen in uns selbst müssen unsere Stärken sein.

Der Weg von der Bürgelstraße 1 zur Hegelstraße 42 ist nur wenige Meter lang, aber in unserer aktuellen Situation der längste Weg, den wir beschreiten können. Doch wir können in Etappen vorgehen und müssen nicht die gesamte Strecke auf einmal zurücklegen. Wir müssen uns Zeit nehmen, Versorgungspunkte einrichten, trainieren und die richtige Ausrüstung anlegen. Dazu zählen nicht nur Debatten über Werte, die parteipolitische Ausrichtung oder Personalentscheidungen, es muss um Gemeinschaft innerhalb der Partei und unseren Platz in der Gesellschaft gehen. Es geht auch darum, in größeren Zeitabschnitten zu denken, nicht mehr in Wahlperioden oder kurzen Zeitfenstern. Außerdem müssen wir gelassener mit unseren Erfolgen umgehen.

Menschen, denen Schlechtes widerfährt, merken sich dies ihr Leben lang, und wenn ihnen etwas Gutes geschieht, dann nehmen sie es als selbstverständlich hin. Das ist auch nur logisch, da ein Politiker oder eine Partei gewählt wird, um für alle Menschen Verbesserungen herbeizuführen. Es wäre fatal, aus falschem Stolz oder wegen erfahrener Kränkung unser Engagement zurückzufahren und die Leute spüren zu lassen, was sie an der SPD verloren haben.

Als ich 2010 in diese Partei eintrat, tat ich dies aus vollster Überzeugung, und auch wenn mein Enthusiasmus Dellen bekommen hat, so vertraue ich unseren Mitgliedern und weiß um die Notwendigkeit einer funktionierenden SPD für eine tolerante und zukunftsfähige Gesellschaft. Wohin unsere Reise führt, das vermag ich nicht zu sagen, aber auch wenn der Weg das Ziel ist und wir auf diesem viel verändern können, will ich mit meinen Genossinnen und Genossen unseren Sehnsuchtsort erreichen.