Ich stieg bei der SPD ein – weil ich wusste, sie liegt am Boden

Von Ines  Dunker

Ich bin erst vor wenigen Wochen Parteimitglied geworden.

Sieben Jahre haben mich die Gedanken um einen möglichen Parteieintritt beschäftigt – doch welche sollte die Richtige sein, die Eine?

Und warum entschied ich mich ausgerechnet jetzt dazuzustoßen?

Eine Wahl nach der anderen wird zum Fiasko für die SPD.

Bei dem ersten Treffen meines Ortsvereins sagte ein (mir von anderer Vereinstätigkeit bekanntes Mitglied) folgendes: „Die SPD bewegt sich in unsicheren Fahrwassern momentan, aber als ich darüber nachdachte, was man nun tun müsse bzw. wo wir nun stehen, kam ich zu dem Schluss, dass wir uns in unserer fast 150-jährigen Geschichte doch nichts wirklich Schlimmes aufgeladen haben.“

Just in dem Moment wurde mir bewusst, dass ich die richtige Wahl getroffen habe.

Wenngleich diese Aussage so schlicht, ja fast vorwurfsvoll, klingt, dass man nicht doch etwas mehr hätte riskieren können, so scheint mir genau das der kleinste gemeinsame Nenner von allem zu sein.

Und in dieser Bescheidenheit liegt niemand geringeres als Willy Brandt. Auch heute imponiert mir sein Kniefall. Nichts ehrlicheres und emotionaleres ist mir im Sinn.

Doch weiter zu meinem ersten Treffen.

Unser Ortsverein ist äußert klein, anwesend waren nur 10 Personen. Und doch war es ein Abbild einer politisch aktiven Kleinstgesellschaft, die den Mut hat, etwas zu verändern und mitzudiskutieren.

Mut haben. Das ist etwas, was ich so schmerzlich vermisse bei der SPD.

Die zurückliegenden Wahlergebnisse haben doch gezeigt, dass es schon längst nicht mehr darum geht, Haltung zu wahren.

Durch den Gang in die Koalition hat die SPD für mich an Charisma verloren. Es gibt keinen „Regierungsauftrag“ in Deutschland, den die Bürger uns auferlegt hätten. Nein. Die Bürger Deutschlands haben uns, dem politischen Spektrum, eine Chance eröffnet. Nicht umsonst leben wir in einer Demokratie und auch wenn „Minderheitsregierung“ eine negative Konotierung inne hat, so wäre es ein Versuch gewesen – vor allem, weil die SPD geschlossen (!) in die Opposition hätte gehen können und so Zeit zur Regeneration gehabt hätte.

Regeneration und Mut, zwei, wie ich finde, wichtige Pfeiler einer zukunftsorientierten SPD.

Mut zum inhaltlichen und äußerlichen Neuanfang.

Und da all das Zeit braucht, Regeneration, ja vielleicht sogar Rehabilitation.

Diese Möglichkeit hat die SPD heute mehr denn je. Es gibt kein Zurück. Die Medien sprechen vom „Schwinden / Verschwinden“ der SPD und anderen gruseligen Szenarien. Aber ist die SPD nicht die migliederstärkste Partei? Wächst die größte Kraft nicht aus uns? Wer sind wir, die, die politisch aktiv sind, wenn wir sprachlos uns mundtot machen lassen?

Keine Partei hat einen Fortschritt in die Zukunft geschafft – außer der Grünen und das, so ehrlich bin ich ebenfalls, wünsche ich ihnen von Herzen.

Zukunft ist eben keine Phrase, sondern das, was wir anfassen können und auch müssen. Das, was uns alle bewegt.

Innovation liegt doch in jedem, der den Mut hat, laut auszusprechen, was man verändern möchte. Aber warum lassen sich so viele abhalten?

Seit wann genau ist es unangemessen oder sogar falsch klar (!), laut (!) und deutlich (!) gegen rassistische und faschistische Aussagen vor zu gehen?

Wir sind der Sprache mächtig und lassen uns das kommentarlos abnehmen?

Einmal die Woche arbeite ich unterstützend in einer DaZ-Klasse (Deutsch als Zweitsprache). Diese Kinder sprechen kaum bis gar kein deutsch, viele haben Narben auf ihren Armen, alle haben auf ihren Seelen Narben.

Ich bin Mutter zweier Töchter. Eine, meine Große, ist mit 1,5 Jahren verstorben.

Kinder haben es verdient, geliebt zu werden!

Kinder haben es verdient, angelächelt zu werden!

Kinder haben es verdient, bedingungslos Bildung erfahren zu dürfen!

Die SPD vertritt in meinen Augen die Menschen, die jede soziale Schicht schon erlebt haben, erleben könnten oder kennen. Diese Menschen, die, die wir abbilden, sind es, die wir ermutigen müssen, all diesen Kindern Mut zu schenken! Jedem Kind, egal welcher Hautfarbe und egal welcher Herkunft. Aber wenn wir schweigen, schweigen auch die Mitglieder.

Wir müssen aufstehen und unseren Protest gegen all jene zeigen, die gegen das eintreten, wofür Willy Brandt sich einst hinkniete.

Es liegt an uns, endlich geschlossen und mutig aufzutreten.

Wir sollten aufhören uns über mögliche Verstaatlichungen zu streiten, die wahrlos in den Raum geworfen werden. Wir sollten auch den Rücktritt von Andrea Nahles nicht betrauern. Jedem Ende wohnt der Hauch des Neuanfangs inne.

Ich trete dafür ein, dass die SPD sich inhaltlich einem Neustart unterzieht, der alle Bereiche betrifft. Es müssen viel mehr junge Mitglieder in führende Positionen gehoben werden. Starke Persönlichkeiten mit charismatischem Werdegang. Arbeiter. Die, die wissen wie es ist, mit wenig Geld auszukommen. Dass der Arbeiter wieder die Chance bekommt, gehört zu werden. Ehrlich angehört wird, wertfrei.

Es geht um Sorgen und Nahbarkeit und nicht darum, zu einer gewissen Sprechstunde in seinem Wahlkreis antreffbar zu sein.

Die SPD sollte wieder mutig nach vorne gehen und sich von den alteingesessen Parteimitgliedern dabei nicht unter Druck setzen lassen. Das Wissen der Alten, der Mut der Jungen, die Erfahrungen der Vergangenheit und der Rückhalt einer geschlossenen Partei sollten die Wegbereiter in eine neue Zukunft sein.

Man darf nicht erst im Wahlkampf in die Öffentlichkeit treten. Wahlkampf ist immer.

Ich bin in die SPD eingetreten, weil ich glaube, dass all das genau und nur die SPD kann. Weil es nur eine Arbeiterpartei gibt und nur die durch ihre breite gesellschaftliche Aufstellung dazu in der Lage scheint.

Immer mehr junge Menschen werden durch die Strömungen der Politik bewegt. Aber wie soll eine Partei, die selbst kaum mehr brennt, andere Streichhölzer anzünden? Wir haben nicht mal eine lodernde Flamme an der Spitze.

Um die SPD nach vorne zu bringen, muss der mediale Auftritt ausgebaut werden. Es müssen Youtube-Kanäle geschaffen werden (Hier möchte ich anbringen, dass mir mehr öffentliche Darstellung solch interessanter SPD’ler wie Karamba Diaby gefallen würden), Menschen bei ihrer Parteiarbeit begleitet werden. Transparenz, Offenheit, Gespräche – mit Mut zum Diskurs. Man braucht offene Analysen: was sagt die Bevölkerung, warum die SPD sich „im freien Fall“ befinde?

Warum, wenn wir so viele Mitglieder haben, tragen so wenige Buttons / Aufnäher unserer Partei? Wäre die Reaktivierung alter Wahlslogans eine Möglichkeit, um auch die älteren Bürger wieder an die Partei zu erinnern und so zu mobilisieren?

Denn am Ende sollten wir uns fragen: um was geht es uns, den Mitgliedern, eigentlich?

Geht es um die Illusion des „Regierungsauftrages“, geht es um Macht, oder geht es um die Gestaltung eines Miteinanders?

Geht es um die Konservierung des Ist-Zustandes, oder um die Schaffung von etwas Neuem?

Wer sind wir überhaupt, dass wir von einem „wir“ sprechen wollen?

Ich habe mich für das sinkende Schiff der SPD entschieden, um ein Teil des Neuanfangs sein können. Ein kleines Zahnrad inmitten nun alter, angerosteter, großer Räder. Eine junge dynamische Doppelspitze, die kraftvoll nach vorne schaut und vor allem eine Spitze, die bereit ist für ihre Werte einzustehen, anstatt sich selbst permanent zu rechtfertigen. Es geht nicht um lautes Geschrei, denn wer schreit, hat keine Luft zum denken. Es geht um Klarheit, Einheit, Mut und Visionen.

Ich habe zuletzt das kleine Büchlein über die Arbeitslosen in Marienthal gelesen, welches ein sozilogischer Bericht aus dem Jahr 1933 ist, das Buch selbst wurde später veröffentlicht. Es ist ein erschütternder Blick in eine Welt voll Armut, Hunger und Depression. In mir stieg das unbändige Gefühl der Dankbarkeit auf. Nicht nur für den Frieden, der für mich selbstverständlich geworden ist, obwohl er das nicht sein sollte.

Der Bericht zeigt, dass Frieden gelebt werden kann – über Generationen und diese Sicherheit zur Lebenssicherheit geworden ist. Ich bin auch dankbarer für all die Sozialleistungen in unserem Land geworden und auch wenn man kritisch über so manche Reform eben dieser Leistungen nachdenken muss, so sind es genau diese, die viele Menschen vor dem Verhungern schützen und ihnen ein Dach über dem Kopf finanzieren. So wie mir. Nach dem Tod meiner Tochter fand ich keine Arbeit in meinem erlernten Beruf, also entstand aus der Not der Gedanke, mein Abitur nachzuholen, was auch gelang. Heute studiere ich an einer Universität – mit meiner Zweitgeborenen. All das wird mir durch den Staat ermöglicht. Dieser Bildungsweg sollte viel mehr gefördert werden, ja überhaupt öffentlich gemacht werden. Wie viele begabte Menschen wissen gar nicht, dass es diese Option gibt?

Sozial heißt für mich auch Teilhabe. Ich finde, die SPD sollte sich bewusst machen, dass eine Kernwählerschaft oder auch neue Mitglieder dort anzutreffen sind, wo nur viel zu wenige von uns sich stark machen: auf den Dörfern dieses Landes. Wir sollten Pilotprojekte ankurbeln, in denen vermehrt Dorfshuttle unterwegs sind, welche die Einwohner nicht nur einmal, sondern vielleicht viermal am Tag in die nächste Stadt bringen, sodass diese dort bei Fachärzten o.Ä. vorsprechen zu können. Dieser Shuttleservice könnte vielleicht sogar zur Hälfte von Krankenkassen getragen werden?

Der Ausbau des Internets steht ohne Frage ebenfalls ganz oben auf der Agenda, um ländlichen Raum zukunftsfähig zu machen.

Schlicht muss das #ProjektLandleben wieder attraktiv gestaltet werden. Ich finde, die SPD sollte sich für Kleinstselbstversorger einsetzen und für die, die es werden wollen.

Auch geht es, wie ich finde, um die Bürger im Land, die Selbstständig sind und durch ihre Steuern einen großen Anteil an der Sicherung der Mittelschicht haben. Da muss (!) das Thema Grundrente wieder auf den Tisch!

Und eben weil sich die SPD als Arbeiterpartei deklariert, muss sie sich wieder für die Arbeiter stark machen, die zurecht eine auskömmliche Rente einfordern, ohne vierteljährlich bei verschiedenen Ämtern um Geld bzw. Kostenübernahme betteln zu müssen. Das ist eine einzige Katastrophe!

Die SPD muss weg von den Phrasen wie „Damit die Rente nicht klein ist, wenn die Kinder groß sind“. Was soll das denn dem Wähler verdeutlichen? Die SPD muss Position beziehen und ich fordere nicht nur eine Grundrente, sondern mutig, durch junge Hände, die komplette Überarbeitung des Rentensystems. Die Zeit dazu – eine aussagekräftige Rentenreform durchzuführen – wäre in der Opposition. Es muss ein medial bekannt gemachtes Rentenreform-Gremium eingesetzt werden, dass sich durch die verschiedenen Rentensysteme der demokratischen Regime in Europa arbeitet, um so ein starkes neues Konzept zu entwickeln. Das kostet Zeit und Arbeitskräfte, aber ich bin mir um die Wirkung sicher – auch innerparteilich.

Abschließend möchte ich sagen, dass ich stolz bin Mitglied der „Alten Tante“ zu sein. Der Austausch mit anderen Menschen jeder Coleur macht immer Spaß und bringt den eigenen Horizont stets nach vorne. Ich hoffe, mit meinen Gedanken den einen oder anderen Anstoß für gedankliche Experimente gegeben zu haben.

Wir brauchen wieder Mut.

Für uns.

Für die Bürger.

Für jede Option.