Lehrermangel im Land – „Wir brauchen einen grundlegenden Wandel“

 Interview mit Angela Kolb-Janssen

Die bildungspolitische Sprecherin der SPD-Landtagsfraktion, Angela Kolb-Janssen, äußert sich angesichts des Fehlens hunderter Lehrer zum Schuljahresbeginn 2019 besorgt über die Situation in den Klassen. In der Zusammenarbeit mit dem Bildungsministerium wünscht sie sich eine verbesserte Kommunikation, erklärt sie im vornewech-Interview.

vornewech: Die Sommerferien sind gerade zu Ende. Wurde die Zeit genutzt, um das neue Schuljahr gut vorzubereiten? Was erwartest uns? Wird es besser mit der Unterrichtsversorgung und der Besetzung der Lehrerstellen?

Angela Kolb-Janssen: Ehrlich gesagt mache ich mir große Sorgen. Die Unterrichtsversorgung ist zum Beginn des Schuljahres 2019/2020 so schlecht wie noch nie. Inzwischen sind mehr als 1.000 Stellen nicht besetzt und ich bin erstaunt, wie gelassen das Bildungsministerium mit dieser Situation umgeht. Ich habe in diesem Jahr nicht feststellen können, dass es Maßnahmen gab, um die Situation zu verbessern. Die SPD hat mehrfach Vorschläge gemacht, die aber leider nicht aufgegriffen wurden. Selbst Beschlüsse des Landtages werden einfach ignoriert.

Bildungsminister Tullner sprach ja immer wieder davon, dass die „Trendwende“ bei den Lehrereinstellungen erreicht sei. Wie siehst du das?

Ja, das behauptet er. Tatsächlich sind seit seinem Amtsantritt weniger Lehrerinnen und Lehrer eingestellt worden als Stellen frei geworden sind. Wir sind heute weiter entfernt von der angestrebten Unterrichtsversorgung von 103 Prozent als zu Beginn der Legislaturperiode.

Es ist ja bekannt, dass alle Bundesländer Lehrer suchen. Was kann Sachsen-Anhalt tun, um mehr Lehrerinnen und Lehrer einzustellen? Sind Seiteneinsteiger eine gute Lösung?

Ja, andere Länder agieren wesentlich flexibler als wir. Zunächst einmal brauchen wir einen grundlegenden Wandel bei der Einstellungspraxis. Wir müssen um jede und jeden potentiellen Bewerber/in kämpfen. Aus meiner Sicht müssten die Referendarinnen und Referendare nicht nur eine Einstellungszusage während ihres Referendariats bekommen, sondern zwei bis drei konkrete Angebote. Wir brauchen endlich eine dauerhafte Ausschreibung aller offenen Stellen und die Stellen, die im neuen Schuljahr frei werden, müssen rechtzeitig vor Beginn ausgeschrieben werden. Angesichts der Vielzahl von freien Stellen, die nicht durch ausgebildete Referendarinnen und Referendare besetzt werden können, müssen wir uns auch verstärkt um Seiten- und Quereinsteiger bemühen. Ich habe den Eindruck, dass bei den bisher eingestellten eher der Eindruck vermittelt wurde, „eigentlich wollen wir euch nicht und machen euch den Einstieg deshalb so schwer wie möglich“. Auch hier hat die SPD-Fraktion ein Papier mit Sofortmaßnahmen entwickelt, die das ändern sollen. Wir brauchen eine „Willkommenskultur“ für Seiten- und Quereinsteiger, sie müssen durch erfahrene Lehrkräfte unterstützt werden und es muss gute Weiterbildungsangebote geben, die sie berufsbegleitend absolvieren können.

Vor kurzem hast du in einer Pressemitteilung einen Forderungskatalog mit 9 Punkten für mehr Einstellungen vorgelegt und in der Volksstimme (25. Juni 2019) war dann zu lesen, dass die CDU und Minister Marco Tullner verärgert waren. Was war da los?

Das ist leider sein üblicher Reflex. Er fühlt sich angegriffen. Dabei ist das gar nicht unsere Absicht. Wir wollen die Herausforderungen gemeinsam mit ihm lösen und ihn unterstützen. Dazu fehlt es bisher aber leider an der notwendigen Kommunikation.

Wenn man so in den Bildungsbereich schaut, dann sieht man viele Baustellen, beispielweise die Digitalisierung und die Mittel aus dem Digitalpakt, die erst ab Herbst fließen sollen oder das Förderschulkonzept, das seit zwei Jahren im Landtag liegt. Auch die Auseinandersetzungen um die Gemeinschaftsschulen beschäftigen dich. Wie läuft die Zusammenarbeit innerhalb der Koalition?

Ich habe es ja eben schon angedeutet: die Kommunikation ist stark verbesserungsbedürftig. Es ist leider so, dass ich um viele Informationen, die ich für meine Arbeit brauche, regelrecht kämpfen muss. So fehlen mir bisher sowohl die Ergebnisse der letzten Ausschreibung vom Mai, als auch ein Überblick über die Situation der Unterrichtsversorgung zum Schuljahresbeginn. Der Minister verzichtet seit zwei Jahren auf die bisher übliche Pressekonferenz zum Schuljahresbeginn und erweckt damit selbst den Eindruck, dass er lieber nicht über die Probleme reden möchte. Unser Angebot steht nach wie vor: wir unterstützen ihn in allem, was zu einer Verbesserung der Situation führt. Wir sind dafür auch bereit, neue Wege zu gehen und könnten uns vorstellen, die Besetzung von freien Stellen den Schulen zu übertragen. Eines sagen wir aber auch ganz deutlich: die angedachten Änderungen der Arbeitszeitverordnung sind für uns keine Lösung!

Vielen Dank, Angela.