Rufrieds langer Weg zur SPD

In loser Folge stellen wir in der Rubrik Parteileben SPD-Mitglieder vor. Den Anfang mach Rufried Mauer, 91 Jahre alt und im Ortsverein Magdeburg Stadtfeld zu Hause. Rufried ist pensionierter Pfarrer und lebt mit seiner Frau am Schellheimer Platz. Er verpasst keine Sitzung seines Ortsvereins und ist trotz seines hohen Alters ein engagierter Wahlkämpfer für die SPD… Rufried beschreibt in seinem Text seinen Weg zur SPD! Ein Panorama eines langen politischen Lebens.

Rufried Mauer – Mein langer Weg zur SPD, meiner neuen politischen Heimat

Am 31. Januar 1928 wurde ich in Berlin-Spandau, der Heimat meiner Mutter, geboren. Mein Vater war Ingenieur bei Siemens in Berlin. Er kam aus Hirschroda, einem Bauerndorf nicht weit von Freyburg / Unstrut im heutigen Burgenlandkreis. 1937 zogen wir nach Hirschroda und ich ging in Naumburg auf die Oberschule. Wie auch andere in meinem Alter war ich ein eifriger Hitlerjunge. Der Zusammenbruch 1945 machte mir sehr zu schaffen. Ich war 17 Jahre alt, begriff aber bald: Es muss vieles ganz anders werden, aber wie? In Hirschroda selber und erst recht in meiner Schulstadt Naumburg meinte ich, Voraussetzungen für einen Anfang zu neuem Leben und Denken zu finden. Hirschroda war und ist ein konservatives Dorf und Naumburg eine „sehr religiöse“ Stadt, wie einer meiner Lehrer sagte. Bei Wahlen nach 1945 wurde daher in Naumburg die CDU die stärkste Partei und auch in Hirschroda bekam sie die meisten Stimmen. Auch für mich wurde die CDU wichtig. Ich sah in ihr die besten Voraussetzungen für einen Neuanfang, der nur „christlich – konservativ“ sein sollte. Wir sollten zu dem guten Alten zurückfinden und darauf bauen. Zuvor im Dritten Reich wurde die Kirche bedrängt und ihr Glaube durch die „Deutschen Christen“[1] gefälscht. Zudem schien mir die CDU die einzige politische Kraft, um gegen eine zu befürchtende Bolschewisierung im Osten zu sein, wo die SED die SPD geschluckt[2] hatte. Noch als Schüler trat ich in die CDU ein, nahm Kontakt zur CDU in Naumburg auf und organisierte CDU-Veranstaltungen in Hirschroda.

Nach dem Abitur 1948 studierte ich evangelische Theologie an der Kirchlichen Hochschule in Westberlin. Damals gab es in Berlin die Mauer zwar noch nicht, aber Westberlin hatte die Blockade der Sowjets. Die 2 Millionen Westberliner konnten nur durch die Luftbrücke der Westalliierten versorgt werden. Die politische Lage in Westberlin war spannend, nicht nur dem Osten gegenüber. Auch im Innern gab es große Auseinandersetzungen, meist zwischen SPD und CDU. Doch selbst harte Auseinandersetzungen wurden sachlich und im gegenseitigen Respekt ausgetragen. Das war vor allem ein Verdienst des Regierenden Bürgermeisters von Westberlin, Ernst Reuter[3], SPD. Reuter war der Inbegriff der Standhaftigkeit nach außen gegenüber den Sowjets und der SED und für die Demokratie im Innern.

Aber auch die CDU hatte profilierte Persönlichkeiten wie Bürgermeister Friedensburg und Kultursenator Tiburtius. Das machte auf mich einen großen Eindruck. Es tat sich hier für mich eine andere Welt auf, als ich sie von Hirschroda und Naumburg her kannte. So war es auch an der Hochschule. Sie war vor 1945 illegal und konnte nicht öffentlich lehren, weil sie zur Bekennenden Kirche gehörte. In der Bekennenden Kirche (BK) waren die evangelischen Christen, die nur der Bibel folgten, dem Alten und dem Neuen Testament. Die BK sah einzig Christus als den Herrn ihres Glaubens und musste daher auch gegen Judenhass und Judenverfolgung sein. Ihr gegenüber waren die Deutschen Christen (DC), die das Alte Testament als „Judenbibel“ und Teile des Neuen Testaments als „jüdisch“ verwarfen und die anstelle von Christus letztlich Hitler als Erlöser sahen. Einige meiner Dozenten waren deswegen im Gefängnis, weil sie offen zur Bekennenden Kirche standen und entsprechend predigten und lehrten, wie z.B. Prof. Martin Albertz. Albertz stand mir auch deshalb nahe, weil er Superintendent in meiner Geburtsstadt Spandau war. Er sprach viel über seinen Bruder Heinrich, der in Hannover Pfarrer und SPD-Mit-glied war und der bald als Minister der niedersächsischen Landesregierung angehörte. Später wurde Heinrich Albertz Regierender Bürgermeister in Westberlin. Das war für mich ganz neu: Ein Theologe, ein Pfarrer, ist auch ein „Sozi“, der dazu noch SPD-Minister wird!

Ich begann nachzudenken und fing an, manches in der CDU kritisch zu sehen. In dieser Zeit wirkte Gustav Heinemann sehr stark auf mich, den ich auch persönlich einige Male erlebte, wenn er nach Westberlin kam. Er war Jurist und gehörte zur Bekennenden Kirche, wurde Mitglied der CDU und Oberbürgermeister in Essen, dann Justizminister im Kabinett Adenauer. Es kam aber bald zu Gegensätzen zwischen ihm und der CDU und besonders zu Konrad Adenauer und er trat aus der CDU und der Regierung aus. Seine Überzeugung war ihm wichtiger als ein Ministeramt. Es ging Heinemann besonders um dieses Eine: Was heißt „christlich“ und was bedeutet das „C“ im Namen „CDU“? Ist das „C“ vielleicht ein falsches Etikett für manches, das mit dem christlichen Glauben gar nichts zu tun hat? Wird da nicht, vielleicht unbewusst, Missbrauch mit dem christlichen Glauben getrieben? Nach einer kurzen Zeit in einer Splitterpartei, die aber keinen Bestand hatte, trat Heinemann in die SPD ein und wurde bald der erste Bundespräsident, den die SPD stellte. Mir imponierte besonders die Geradlinigkeit Heinemanns, die ihn schließlich zur SPD führte.

Jetzt, d.h. in den 50er und 60er Jahren, als mich Heinemann sehr bewegte, wurden die Gegensätze zwischen Ost und West viel schärfer. Da riet unsere Kirchenleitung allen Theologiestudenten in Westberlin und Westdeutschland, die von hier, d.h. aus der DDR stammten, zurückzukommen. Wir wollten doch einmal hier unseren Dienst tun. Und so kam ich in meine Heimat zurück und beendete mein Studium am Katechetischen Oberseminar in Naumburg. Wurden meine Bedenken gegen die CDU im Westen schon sehr stark, konnte ich hier in der DDR in der CDU nicht bleiben. In der „Blockpolitik“ unter Führung der SED war die CDU nicht mehr selbständig und ganz von der SED abhängig. Ich war nun ganz bei der SPD, doch die war im Westen und da kam ich nach dem Mauerbau 1961 nicht mehr hin. Durch den Rundfunk und später auch durch das Fernsehen wusste ich aber einigermaßen Bescheid. Die sozial-liberale Koalition unter Willy Brandt und Walter Scheel, vor allem ihre Ostpolitik, begrüßte ich sehr, wie auch viele meiner Bekannten. Vor Brandts Kniefall in Warschau hatte ich großen Respekt. Wir sahen jetzt einen guten Neuanfang in der Bundesrepublik, der letztlich auch uns in der DDR zugutekommen würde.

1989 kam die Wende. Ich war damals Pfarrer in Letzlingen bei Gardelegen. Wie nach 1945 sollte auch jetzt ein Neuanfang sein. Das hat für mich geheißen: Nur mit einer starken SPD, die auch keine Belastungen aus der DDR hat, kann wirklich Neues geschehen. Ich gehörte zu den Gründungsmitgliedern der SDP im Herbst 1989 im damaligen Kreis Gardelegen, wurde in den Kreistag gewählt und wurde Vorsitzender des Kreistagsausschusses für Bildung und Kultur.

1993 begann mein Ruhestand und wir zogen nach Magdeburg. Ich nahm gleich Kontakt zur hiesigen SPD auf und fand im Ortsverein Stadtfeld meine neue politische Heimat, in der ich mich sehr wohl fühle. In die für mich meist unbekannten Verhältnisse in Magdeburg kam ich einigermaßen hinein durch fünf Jahre Mitgliedschaft im Stadtrat und seinem Kulturausschuss. Aus Altersgründen kandidierte ich nicht ein zweites Mal. Über zwölf Jahre lang war ich auch Domführer und konnte so Ernst machen, dass sich kirchliche und politisch-säkulare Verantwortung nicht gegenseitig stoßen. Nur darf sich nicht die Kirche über den Staat und der Staat sich nicht über die Kirche erheben. Das wollte ich auch meinen chinesischen Freunden deutlich machen. Es waren Studenten, denen ich helfen wollte, besser Deutsch zu lernen. Ich ging mit ihnen in den Dom und nahm sie auch mit zu Veranstaltungen der SPD. Sie sollten mitbekommen, wie bei uns Demokratie gelebt wird. Zur Bundestagswahl begleiteten mich auch einige von ihnen ins Wahllokal. Sie wollten bis zuletzt bleiben und dabei sein, als die Stimmen gezählt wurden. Jetzt bin ich 91 Jahre alt. In der Kirche und in der Politik (SPD) bin ich nicht mehr sehr aktiv. Das sollen jetzt Leute sein, die altersmäßig meine Kinder oder Enkel sein könnten. Ich verfolge aber das ganze Geschehen innerhalb und außerhalb meiner Partei mit Interesse. Deswegen bin ich auch gern bei den Zusammenkünften des SPD-Ortsvereins. Hier bin ich zu Hause. Es war ein langer Weg vom Hitlerjungen über den CDU-Jüngling zum SPD-Genossen. Mancher Wandel ist mir nicht leicht gefallen. Ich habe auch in der CDU manchen kennengelernt, den ich schätze. Das war kein „die Fahne nach jedem Wind hängen“. Ein Satz von Erich Kästner hat mir sehr geholfen: „Du sollst deine Überzeugung haben und dazu stehen. Du darfst darauf aber nicht sitzen bleiben.“ Das wünsche ich der SPD, die heute auch nicht mehr die marxistisch-dogmatische Klassenpartei ist. Die SPD darf nie vergessen, dass sie als soziale Partei für die Menschen da ist und je nach Zeit und Verhältnissen zu suchen und zu tun hat, was „dran“ ist – besonders für die Schwachen von hier und für die, die vielleicht aus großer Not heraus aus fernen Ländern zu uns kommen. Als demokratische Partei soll sie Wächterin sein darüber, dass das freie und demokratische Leben nie gefährdet wird.

In diesem Sinne: Alles Gute, SPD!

Magdeburg, im Oktober 2018

[1] Die sogenannten Deutschen Christen waren eine Strömung innerhalb des deutschen Protestantismus (von 1932-1945), die rassistisch und antisemitisch war und sich am „Führerprinzip“ orientierte. Es kam zum Kirchenkampf und als Gegenreaktion gründeten evangelische Christen 1934 die Bekennende Kirche, u.a. mit Martin Niemöller und Dietrich.

[2] Die Zwangsvereinigung von KPD und SPD zur SED wurde April 1946 vollzogen. In Westberlin stimmten die Mitglieder dagegen und die SPD in westlichen Sektor waren politische Tätigkeiten weiter erlaubt.

[3] Ernst Reuter (1889-1953) war von 1931-1935 Oberbürgermeister von Magdeburg bevor er ins Exil in die Türkei ging. Er kehrte 1946 nach Berlin zurück und wurde dort Oberbürgermeister bis zu seinem Tod.