Die friedliche Revolution von 1989

Von Eberhard Brecht

Die Sehnsucht nach einer gerechten Gesellschaftsordnung ist vermutlich fast so alt wie die Menschheitsgeschichte selbst. Der von Marx, Engels, Lenin und Stalin konzipierte Sozialismus war der Versuch, eine soziale Leistungsgesellschaft einzuführen. Nach dem sozialistischen Menschenbild sollte die Effektivität einer Gesellschaft nicht vorrangig durch materiell und ideell honorierte Leistungen erreicht werden, sondern durch ein Bewusstsein, dass auf das Wohl aller Bürger ausgerichtet ist. Ein solcher Anspruch ist allenfalls innerhalb einer kleinen Gruppe von Menschen realitätstauglich, versagt aber in einer großen, durch Anonymität geprägten Gesellschaft. Der Sozialismus des 20. Jahrhunderts scheiterte also vor allem deshalb, weil es kein attraktives Belohnungssystem für individuell erbrachte Leistungen gab.

Die Wunder der DDR:

  • Obwohl keiner arbeitslos war, hatte die Hälfte nichts zu tun.
  • Obwohl die Hälfte nichts zu tun hatte, fehlten überall Arbeitskräfte.
  • Obwohl Arbeitskräfte fehlten, erfüllten und übererfüllten wir alle Wirtschaftspläne.
  • Obwohl die Wirtschaftspläne erfüllt wurden, gab es nichts in den Läden zu kaufen.
  • Obwohl es in den Läden nichts zu kaufen gab, hatten die Menschen fast alles.
  • Obwohl die Menschen fast alles hatten, meckerte doch die Hälfte.
  • Obwohl die Hälfte meckerte, wählten die 99,9 % die Kandidaten der kommunistischen Partei und deren Vasallen in den Blockparteien.

Da der real existierende Sozialismus den Zusammenhalt einer Gesellschaft nicht durch wirtschaftliche Erfolge garantieren konnte, wurden nicht nur bei seiner mit Gewalt verbundenen Einführung sondern während seiner gesamten Lebenszeit bürgerliche Freiheitsrechte außer Kraft gesetzt und Systemgegner verfolgt. In der sowjetischen Besatzungszone und der jungen DDR gingen die Machthaber mit Brutalität gegen ihre Kritiker vor. In meiner Kindheit hörte ich von meinen Eltern von Zwangsadoptionen, langen Zuchthausstrafen, Verbannungen nach Sibirien und Todesurteilen. Mit Beginn der 60-iger Jahre zeigte sich das DDR-System weniger repressiv. Aber die Erfahrungen aus den 50-iger Jahren, das neue politische Strafrecht und die omnipräsente Staatssicherheit schufen dennoch ein Klima der Angst, das letztlich für politische Konformität sorgte. Als ich beispielsweise gegen den Einmarsch der Warschauer Paktstaaten in die CSSR im Sommer 1968 mit Flugblättern protestierte und etliche davon auch verteilte, unterband mein Vater energisch dieses konspirative Handeln, das bei Enttarnung sicherlich eine mehrjährige Zuchthausstrafe für mich nach sich gezogen hätte.

Die 80er-Jahre: Bürgerrechtsbewegungen entstehen

Mit dem wirtschaftlichen Kollaps des Sozialismus, seiner moralischen Erosion entstanden in den achtziger Jahren in den sozialistischen Ländern Europas Bürgerrechtsbewegungen, die Freiheitsrechte und auch soziale Verbesserungen einforderten. In der DDR waren dies beispielsweise

  • die Friedens- und Umweltbewegung der evangelischen Kirche,
  • die Böhlener Plattform,
  • die Gruppe demokratischer Sozialisten,
  • die Initiative Frieden und Menschenrechte,
  • dann das Neues Forum,
  • Demokratie jetzt,
  • der Demokratische Aufbruch,
  • die Sozialdemokratische Partei der DDR (SDP)
  • und die Grüne Liga.

An die Vorträge von Eberhard Brecht, Katja Pähle und Gosia Gomolka schloss sich eine von Kai Langer moderierte Gesprächsrunde an.

Eine Anmerkung: Später reklamierten andere Gruppen die gesellschaftlichen Veränderungen für sich. Da waren die Ausreisewilligen, die zwar das DDR-System durch ihre Abkehr vom Sozialismus mittelbar destabilisierten, dies mit ihrer Ausreise aber ja gar nicht beabsichtigten. Auch die Vertreter der Blockparteien in der DDR sahen sich später gem als mutige Systemkritiker. Als wir am 26. Oktober in Quedlinburg erstmals mit den Vertretern des Staates zusammen trafen, forderte mich der damalige CDU-Kreisvorsitzende auf, die Proteste zu beenden und die führende Rolle der SED nicht weiter in Frage zu stellen.

Die Orte des Protestes – es waren am Anfang fast ausnahmslos Kirchen – prägten die Art der Revolution, nämlich eine gewaltfreie. Der damalige Präsident des DDR-Scheinparlaments Volkskammer, Horst Sindermann, resümierte den für die SED verheerenden Machtverlust im Herbst 1989 mit den Worten:” Wir hatten alles geplant. Wir waren auf alles vorbereitet, nur nicht auf Kerzen und Gebete.” Neben der Gewaltlosigkeit war für mich der Herbst 1989 noch durch ein anderes Phänomen geprägt, der Verwischung von sozialen Grenzen. Bei den Zusammenkünften in unseren Wohnungen spielten Beruf und soziale Stellung keine Rolle: Da saßen der Chefarzt neben einem Punkermädchen mit grün gefärbtem lrokesenschnitt, das übergelaufene SED-Mitglied neben dem Gemeindepfarrer auf dem Fußboden und alle duzten sich.

Die für mich zunächst einmal wichtigste Funktion der Friedensgebete und Demonstrationen war das Abstreifen der Angst. Die oft sehr emotionalen Redebeiträge der Demonstranten erinnerten mich an das Märchen vom Froschkönig, in dem die um das Herz gespannten eisernen Bänder des treuen Dieners Heinrich zersprangen. Als im September und Oktober 1989 unser Haus durch Mitarbeiter der Staatssicherheit demonstrativ überwacht wurde, Ausweise unserer Besucher verlangt wurden, hatte ich meine Angst längst abgestreift, so dass ich meiner Frau vorschlug, den in einem roten Lada sitzenden Herren eine Tasse Tee zu bringen.

Was war das eigentlich für eine Revolution?

Was war das eigentlich für eine Revolution im Jahr 1989, zweihundert Jahre nach der französischen Revolution mit ihrer Forderungen nach Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit? Dies war zunächst keine Revolution mit einem Konzept für eine neue Gesellschaft. Es war am Ende nur eine nachholende bürgerlich-demokratische Revolution mit den Forderungen nach Meinungs-, Rede-, Versammlungs-, Presse- und Reisefreiheit. Spätestens mit der Öffnung der innerdeutschen Grenze am 9. November 1989 wurde der mehr Demokratie einfordernde Slogan „Wir sind das Volk” durch den Ruf „Wir sind ein Volk” ersetzt. Nach meinem Empfinden drückte diese neue Forderung weniger die Sehnsucht nach einer gemeinsamen deutschen, freiheitlichen Gesellschaft aus, wie sie beim Wartburgfest von1817 und dem Hambacher Fest von 1832 antizipiert wurde. Vielmehr wollten die Ostdeutschen am westlichen Wohlstand teilhaben, also auch im Sinn der französischen Revolution von 1989 Gleichheit und Brüderlichkeit der Westdeutschen erfahren. Im Herzen stand ich damals eher bei denen, die die ostdeutsche Revolution zu Ende bringen, eine neue DDR-Verfassung erarbeiten wollten, um dann auf nahezu gleicher Augenhöhe auf Grundlage des Artikels 146 GG die deutsche Einheit zu erreichen. Ich gebe aber rückblickend zu, dass meine Vorstellungen nicht viel mit der Realität des Jahres 1990 zu tun hatte. Der schnelle Anschluss nach Artikel 23 des GG war angesichts der Veränderungsdynamik, den sich verändernden außenpolitischen Bedingungen – so der Machtverlust von Michael Gorbachov – und der Zahlungsunfähigkeit der DDR alternativlos.

Heute, 30 Jahre nach der friedlichen Revolution von 1989, müssen wir lernen, dass dieser prägende Teil unserer eigenen Biografie für die junge Generation nicht Zeitgeschehen sondern Geschichte ist.

Und wie bewertet die Erlebnisgeneration die Ereignisse von damals?

“Ein Entwertungsprozess, der nahezu alle Lebensbereiche erfasst hat”

Im Verlauf der Wiedervereinigung wurden die Ostdeutschen einem Entwertungsprozess ausgesetzt, der nahezu alle Lebensbereiche erfasst hat. Da war der Verlust von Eigentum, die fehlende Anerkennung von Bildungsabschlüssen, das Verschwinden von Nischen wie die betrieblichen Sport- und Kulturgemeinschaften. Am gravierendsten war für viele der Verlust des Arbeitsplatzes. Der Philosophie des Artikel 23 des Grundgesetzes folgend haben wir darüber hinaus die bundesdeutsche Verfassung und nahezu das  gesamte Rechtssystem übernommen. So kamen die Westdeutschen in die Rolle der Richter, Lehrer und großzügigen Gönner, die Ostdeutschen in die Rolle der Schüler, Bittsteller und Versager. Gleichzeitig provozierten westdeutsche Freunde und Verwandte oft mit gönnerhaften Sätzen wie „Wir haben 1945 auch mal bei Null angefangen“.

Und diese Aussage bezieht sich nicht nur auf das Einkommens- und Vermögensniveau, sondern auch auf die anfängliche Unsicherheit der Ostdeutschen im Umgang mit demokratischen Strukturen.

Moderator Kai Langer von der Gedenkstättenstiftung im Gespräch mit SPD-Stadträtin Gosia Gomolka aus Weißenfels

Warum aber ist vielen Ostdeutschen der Stolz auf die Revolution von 1989 abhandengekommen? Während wir Freiheitsrechte in den Kirchen und auf der Straße erstritten haben, wurde den Westdeutschen nach 1945 die Demokratie durch die drei westlichen Besatzungsmächte geradezu aufgezwungen. Und welche Revolution in der deutschen Geschichte war überhaupt erfolgreich und verlief ohne einen einzigen Schuss? Möglicherweise sind diese Überlegungen für viele zu abstrakt und abgehoben angesichts der Alltagsprobleme, die für diese Art Stolz keinen Platz lassen.

Der falsche Feiertag

Als Helmut Kohl den 3. Oktober zum Nationalfeiertag des vereinten Deutschlands erklärte, habe ich einen lauten Protest aus dem Osten vermisst. Wenn man denn überhaupt die Revolution von 1989 und die ihr folgenden Wiedervereinigung mit einem Datum verbinden will, dann ist es nicht der willkürlich gewählte 3. Oktober oder der 4. November, als sich einige SED-Repräsentanten auf dem Berliner Alexanderplatz angesichts des bereits entschiedenen Untergangs des Kommunismus dem neuen System anzudienen suchten, sondern eben der 9. Oktober. An jenem Tag im Jahr 1989 haben 70.000 Leipziger für jedermann dokumentiert, dass die DDR-Bevölkerung nicht mehr von ihrem Ziel einer gesellschaftlichen Veränderung abzubringen ist. So wäre der 9. Oktober ein viel symbolträchtiger Nationalfeiertag geworden, der weniger an die unbestrittene Leistung eines Helmut Kohl für die Einheit sondern mehr an den Mut von DDR-Bürgern erinnert hätte, mit dem Einsatz ihres Lebens friedlich für die Demokratie zu kämpfen.

 

Dieser Text beruht auf dem Vortrag, den Dr. Eberhard Brecht MdB am 29.10.2019 im Landtag von Sachsen-Anhalt bei der Veranstaltung der SPD-Landtagsfraktion zum Thema “30 Jahre Friedliche Revolution – Aufbruch in die Demokratie” gehalten hat.