„Unser gemeinsamer Wahlkampf hat den Menschen gezeigt, dass es um die Sache ging“

Interview mit Patrick Puhlmann

Am 1. Dezember, als in allen Medien der Republik die SPD gerade für tot erklärt worden war, trat in Stendal Patrick Puhlmann zur Stichwahl um das Landratsamt an. Patrick ist 36 Jahre alt und arbeitet als Teamleiter im stationären Wohnen für Menschen mit Behinderungen. Und er wurde als gemeinsamer Kandidat von SPD, Linke und Grünen mit sage und schreibe 69 Prozent gegen den Amtsinhaber von der CDU gewählt.

Herzlichen Glückwunsch – aber mal ganz ehrlich: Hast Du nach dem Wahlkampf mit einem Erfolg in dieser Höhe gerechnet?

Eine Welle von Zuspruch hat mich und alle, die dabei waren, durch die letzten Wochen getragen. Es war und ist ein fantastisches Gefühl, wenn sich plötzlich überall auch beim Einkaufen, beim Vorbeigehen an Schulfenstern oder an der Imbissbude Menschen umdrehen und mir sagen: „Alles Gute! Meine Stimme haben Sie!“ Oder wenn ein Ehepaar auf mich zukommt und mich kennen lernen will, weil „unser Enkel gesagt hat, wir sollen Sie wählen.“ Insofern hat sich ein Wahlsieg, im Nachhinein betrachtet, sicher angedeutet. Aber ganz ehrlich: Am Wahltag bist Du nervlich kurz vorm Ende. Du fragst Dich: hat das monatelange Herumreisen, Sprechen und Miterleben am Ende wirklich irgendjemanden interessiert? Du kannst in die Köpfe der Wählerinnen und Wähler nicht reingucken und hältst plötzlich auch 10 Prozent der Stimmen für möglich.

Und dann geht das erste Ergebnis ein und du liegst vorne, aber sicher ist das nur ein Ausreißer – und dann jede Minute weitere, und plötzlich wird klar, das kann tatsächlich klappen. Und dann bei der Stichwahl noch mal über 2.000 Stimmen dazu, obwohl die Wahlbeteiligung deutlich niedriger war – Wahnsinn.

Also ja: Das Ergebnis kam überraschend.

Du hast viele Veranstaltungen und Begegnungen hinter Dir. Welche Themen und Probleme wurden von den Menschen, mit denen Du zusammengekommen bist, am häufigsten angesprochen?

Wir haben vor allem gesetzt auf Begegnungen, Begegnungen, Begegnungen! In politischen Veranstaltungen kommen nie alle zu Wort, und das verzerrt oft das Bild. Der Schlüssel war aus meiner Sicht mit vielen Menschen zu sprechen, ihren Alltag mitzuerleben und so wie nebenbei die tatsächlichen Themen und Probleme zu erfahren. So konnte nicht nur ich mich authentisch zeigen, sondern habe auch authentische Themen und Probleme erfahren.

Mobilität war unheimlich zentral. Ob bei Veranstaltungen zum Pflegenotstand, Gesprächen mit Jugendlichen oder Seniorengruppen: Für uns hier im ländlichsten Raum steht in den meisten Orten immer die Frage, wie kann ich meine Einkäufe und Arztbesuche erledigen, mich auch mal außerhalb meines Dorfes engagieren oder einfach in Kontakt mit anderen Menschen kommen. Ob Jugendliche oder Senioren: Wer kein eigenes Fahrzeug hat oder nicht selbst fahren kann, verliert seine Unabhängigkeit und kann an vielen Dingen nicht teilhaben.

Weniger häufig, aber dafür ausführlicher ging es um Digitalisierung und die Veränderungen der Arbeits- Wirtschafts- und Lebenswelt. Insbesondere Erwerbstätige, Freiberufler und Selbstständige sind der Meinung, dass wir im Landkreis Stendal beste Chancen haben, wenn wir zum Beispiel bei Coworking Spaces oder der Vernetzung von Dienstleistungen und einer digital gut aufgestellten Verwaltung in Vorhand kommen. Darüber hinaus ging es oft um eine effektivere Wirtschaftsförderung, unsere Potentiale als Wirtschaftsstandort mit hohem Überschuss an erneuerbarer Energie.

Und natürlich spielten auch größere Verfehlungen seitens der CDU in den vergangenen Jahren eine nicht unwesentliche Rolle bei der Höhe des Wahlergebnisses.

Dann ist ja jetzt vor allem interessant, was Du daraus und aus Deinem Wahlsieg machst. Wenn Du drei Vorhaben nennen sollst, die Du als Landrat als erstes anpackst – welche sind das?

Das Ergebnis hat gezeigt, mit wie viel Tatendrang und Energie die Menschen hier auf neue Impulse in Politik und Verwaltung warten. Um diese Vorschusslorbeeren zu rechtfertigen, müssen aktuelle Projekte wie eine spürbare Verbesserung bei der Einhaltung der Rettungsfristen direkt angegangen werden.

Zweitens, weitere Schritte bei digitalen Verwaltungsvorgängen: Erst eine Verwaltung, die bei der Digitalisierung selbst fit ist, kann auch für Unternehmen und Gesellschaft ein starker Partner in Sachen Digitalisierung sein.

Drittens, der Einsatz neuer Mobilitätskonzepte abseits vom starren Linienbussystem muss jetzt losgehen, wird aber ein Marathonthema mindestens für eine Amtszeit sein. Nebenbei sollen ja auch bewährte Projekte und Maßnahmen erfolgreich weitergeführt werden.

Deine Kandidatur beruhte ja auch auf einer politischen Zusammenarbeit und einem gemeinsamen Wahlvorschlag von drei Parteien: SPD, Linke und Grüne. Welche Erfahrungen hast Du damit gemacht? Und meinst Du, dass auch andere Gliederungen etwas daraus lernen können?

Für diese Landratswahl war die gemeinsame Kandidatur ein entscheidender Schritt: Nach über 20 Jahren CDU-Landrat und -Dominanz in der Kreispolitik war die gemeinsame Kandidatur das entscheidende Signal: Wir meinen es ernst mit der Veränderung und stellen unsere parteilichen Befindlichkeiten beiseite. Das ist eine Leistung gerade der anderen Parteien: Dann aber auch während des gesamten Wahlkampfes dabei zu bleiben und sich mit allem richtig reinzuhängen, das ist alles andere als selbstverständlich, hat aber die Menschen überzeugt, dass es um die Sache ging.

Mein Fazit: Für Personenwahlen als Bürgermeister oder Landrat kann es ein guter Weg sein, auch in scheinbar hoffnungslos schwarz gefärbten Regionen Erfolg zu haben. Eine Übertragbarkeit dieses Vorgehens auf Parlamentswahlen muss sicher noch durchdacht werden.