30 Jahre, 30 Mitglieder: Tino Schlögl (eingetreten 2001)

1990 wurde der SPD-Landesverband Sachsen-Anhalt gegründet. Wir haben 30 Mitglieder aus 30 Beitrittsjahren nach ihren Motiven, Erfahrungen und Zukunftserwartungen gefragt.

Wie bist du zur SPD gekommen?

Für mich stand mit 13, 14 Jahren bereits fest, dass die SPD meine Partei war. Das basierte im Wesentlichen auf zwei Faktoren: erstens der Geschichte der Arbeiterbewegung. Ich hatte gerade August Bebels „Aus meinem Leben“ und „Die Frau und der Sozialismus“ gelesen, die Würde der Rede Otto Wels beeindruckte mich und Willy Brandts Regierungszeit erschien wie ein längst vergangenes goldenes Zeitalter. Im Kontrast dazu stellte sich die Bilanz der bürgerlichen Politik so verheerend dar: immer auf der Seite des Kapitals, für Militarismus, Ermächtigung, Blockflöten und nun, mich auch ganz persönlich betreffend, diese verheerende Wirtschaftskrise, in die die Regierung Kohl das Land in der Transformationszeit der ostdeutschen Wirtschaft gestürzt hatte. Ich habe mich zunächst bei den Jusos engagiert, und zwar, so blöd das klingt, weil als Schüler die Beitragsfreiheit auch eine finanzielle Frage war. Aber für mich stand immer fest: die SPD musste es sein.

Was war für dich das wichtigste politische Ereignis?

Das sind viele. Den Wahlsieg 1998, den ich nur als mitfeiernder Beobachter wahrnahm, dass ich erleben musste, dass Menschen aus der Arbeiterschicht gegen die Wirtschafts- und Sozialpolitik meiner SPD auf die Straße gingen, dass wir den Kriegsbeitritt Deutschlands gegen den Irak verhindern konnten und erlogene Kriegsgründe endlich mal als solche benannt wurden, und die Einführung des gesetzlichen Mindestlohns, von der ich mir versprach, dass sie einen Paradigmenwechsel in der ökonomischen Ausrichtung unserer Politik und eine Abkehr von der neoklassischen Wirtschaftsideologie bedeutete, habe ich als wichtige Ereignisse wahrgenommen. Leider wurde diese Hoffnung durch die Festschreibung der Schuldenbremse im Grundgesetz einige Zeit später konterkariert – eine Entscheidung, die schon falsch war, als sie getroffen wurde und die in den nächsten Jahrzehnten eine viel zu unterschätzte Lähmungswirkung, vor allem hinsichtlich des notwendigen Investitionsvolumens der sozialökologischen Transformation der Volkswirtschaft, zeitigen wird.

Wie siehst du die Zukunft der SPD?

Die SPD hat eine spezifische historische Funktion und ich bin überzeugt davon, dass wir uns ihr wieder zuwenden werden. Wir werden in der politischen Landschaft nur gebraucht, wenn wir es schaffen, wieder eine Vision davon zu zeichnen, wie diejenigen Menschen (ich nenne sie Arbeiter), die in Ermangelung nennenswerten Kapitals von ihrer (gegenwärtigen, zukünftigen und vergangenen) Arbeit leben, das sind gut 90 % der Bevölkerung, drei Dinge bekommen: einen fairen Teil, des von ihnen erarbeiteten Wohlstands, eine Möglichkeit des gesellschaftlichen Aufstiegs durch engagierte Arbeit und Leistungen die auch der Gesellschaft zu Gute kommen und den dadurch entfesselten Fortschritt und drittens – und das ist der zentrale Punkt: Würde. Das ist ein ökonomischer Prozess, dessen gelingende Gestaltung voraussetzt, dass wir uns weiterbilden (Buchtipp: Thomas Piketty, Das Kapital im 21. Jahrhundert), aber auch ein kultureller. An welchem Punkt der Geschichte ist aus einem rücksichtlosen, egoistischen Ausbeuter, der in Saus und Braus um die Welt jettet, eigentlich wieder ein bewundernswertes Vorbild und aus einem hart arbeitenden Menschen wieder ein Verlierer geworden? Selbst ehem. Vorsitzende und Kanzler scheinen sich solche Freunde und Vorbilder genommen zu haben. Wir müssen den Menschen wieder ihre Kraft und ihre Würde zurückgeben. Die Arbeiter haben alles erschaffen, Ihnen sollte die Welt gehören und nicht den Schaumschlägern, Blendern, Betrügern und Großerben.

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